Erdbeben in Gmünd
Valvasor 1688 – Ausschnitt

Erdbeben in Gmünd

Stadtnachrichten-Beitrag aus April 2016
Nachveröffentlichung: 30. April 2026
Ergänzungen: Ulrike Mengeu

Anmerkung aus 2026: Der an den Anfang gestellte Bildausschnitt aus der 1688 von Valvasor angefertigten Stadtansicht zeigt die Stadt Gmünd nur zwei Jahre vor dem Erdbeben am 4. Dezember 1690. Das Epizentrum lag gemäß den neuesten Untersuchungsergebnissen nahe Villach1. Die Forschungen stützten sich dabei auf Sediment-Ablagerungen sowohl des Millstätter- als auch Wörthersees. Das Beben hatte eine Magnitude von circa 6,56 (+/- 0,3) und eine Intensität von VIII½.

Erdbeben sind in unserer Zeit sehr gut dokumentiert. Jedes Beben wird registriert, in Karten eingetragen und der Grund des Bebens wird erforscht. Das ist freilich erst mit der Entwicklung empfindlicher Aufzeichnungsgeräte möglich geworden. Auch über den Grund der Beben gibt es heute genaue Untersuchungen. Früher war es oft einfach eine Strafe der Götter oder Gottes, die man hinnahm – im Bewusstsein, die Götter/Gott irgendwie erzürnt zu haben. «Der Allerheiligsten Dreifaltigkeit zu ewigem Dank und Abwehr fernerer Straf» ließ noch die Gmünder Stadtregierung nach dem Erdbeben 1690 in Stein meißeln und an der Gedächtnissäule am Hauptplatz anbringen.

Das erste in unserem Tal dokumentierte Beben ist jenes vom 4. Mai 1201, bei dem in der Region die Burg Rauchenkatsch und die Burg Weißenstein zerstört wurden. Ein zeitgenössischer Bericht darüber:

«Es war so stark, dass es einige Kirchen und gemauerte Häuser zu Fall brachte, in welchem es weithin viele Todesopfer gab. Unter anderem erschlug in der Burg Weißenstein ein einstürzender Turm den Hausherrn Hartrod, einen Minsterialen des Herzogs der Steiermark mit sieben Männern. Auch die erzbischöfliche Burg Katsch wurde zerstört und brachte fast alle ihre Bewohner zu Tode.»

Ein weiteres Starkbeben ereignete sich am 25. Jänner 1348. Neben den recht gut dokumentierten Schäden an Gebäuden ist es vor allem der Abbruch der Dobratsch-Südwand, der von diesem Beben in Erinnerung geblieben ist. Aber jetzt zum Erdbeben von 1690, das die Bevölkerung unserer beiden Täler schwer getroffen hat. Zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Beitrags zu den Stadtnachrichten lag der dritte Teil der Beiträge zur Lokalgeschichte ab 1600, «Aus Gmünds vergangenen Tagen» von Dechant Georg Broll, nur als handschriftlich verfasstes Konzept vor. Dort schrieb er:

     «Am 4. Dezember 3/4 4 nachmittags ist in Gmünd und Umgegend „ein erschröckliches Erdbiden gewest“, so daß man meinte, es falle Berg und Tal zusammen.(Archidiakonal-Protokoll 1690). Fast alle Häuser in Gmünd waren stark beschädigt. In der hochgräfl. Burg mit den zwei Schneckenstiegen wurde der mittlere Teil auf den Garten zu umgeworfen. Unten im Schloß hat es das „Rundel“ umgerissen und unbewohnbar gemacht. Die Wiederherstellung des alten Pfarrhauses verschlang 2000 Gulden. In Kreuschlach fiel der Kirchturm ein. In der Nöring die Vorderwand des Gotteshauses. Dort war auch ein Menschenleben zu beklagen: Eine 66-jährige Frau wurde durch das einfallende Haus erschlagen. Vom 4. bis 16. Dezember waren täglich Erdstöße bemerkbar. Der heftigste war 8 Uhr morgens am 16. Dezember. Die Leute waren voller Schrecken. Vermehrt wurde die Bestürzung durch ein Großfeuer in Kremsbrücken. Dort sind am 11. Dezember 1690 zwischen 8–9 Uhr abends das Mauthaus samt Kirche und Benefiziatenhaus, die Aufseherwohnung, zwei Wirtshäuser nebst Stallungen und neun Keuschen total abgebrannt. In der Christnacht nach vollendeten Metten, um 1/4 1 Uhr nachts, während Cooperator Baltassar Troyer das Amt sang, der Erzpriester am Seitenaltar an der Krippe die hl. Messe las, entstand ein ebenso starkes Erdbeben wie am 4. Dezember. Man fürchtete, die Kirche stürze ein. In wilder Angst flüchtete alles aus dem Gotteshaus. Nur der Erzpriester und Cooperator beendeten die hl. Messen. Glücklicherweise war kein Menschenleben zu beklagen. Am Johannistage wiederholten sich die Erdstöße in ziemlicher Stärke, ebenso am 29. und 30. Dezember. Das neue Jahr war ein Erdbebenjahr. 23 Erdstöße zählte man. Auch 1692 waren Erdstöße wahrnehmbar.

Durch das Erdbeben war das Gotteshaus so hergenommen, daß die notwendigsten Herstellungen 412 Gulden erforderten. Der Erzpriester stiftete 200 Gulden für die Kanzel. Die Kirche war nicht imstande, die Schäden aus eignem Vermögen zu beseitigen. Die Bürger hatten an ihrem Hause genug herzurichten. Trotz allgemeiner Not hat eine Sammlung 303 Gulden eingebracht. Graf Niklas Lodron spendete das nötige Eisen im Werte von 137 Gulden 38 Kreuzern. Die Sammelliste ist noch erhalten und hat insofern Wert, als uns die Namen der Bürger erhalten sind.

Die Wirkung des Erdbebens war eine tief ernste: „Von der Geißel des Erdbebens erlöse uns o Herr!“ Diese Anrufung aus der Allerheiligen-Litanei bildete den Grundton eines Stadtratbeschlusses von 1692. Einstimmig beschlossen Bürgermeister, Richter und Rat ein Gesuch an den Erzbischof von Salzburg als Landesherrn, er möge zu einem gottgegebenen Versprechen der Gemeinde seine Zustimmung geben: „wegen des Erdbidens auf dem Plaz der Stadt eine Statuam zu Ehren der heiligsten Dreifaltigkeit aufzurichten.“ Die Zustimmung wurde gerne gegeben und der Erzpriester mit der Weihe dieser Gedenksäule beauftragt. Die Gemeinde bat außerdem, den St. Barbaratag für Gmünd als gebotenen Feiertag feiern zu dürfen. Der Erzbischof stellte es der Gemeinde frei, solches zu tun, doch könnten nachfolgende Geschlechter dazu nicht verpflichtet werden. Die Gemeinde hielt Wort. Ein feierlicher Gottesdienst mit zwei Vespern, Amt, Predigt wurde für immer schriftlich festgelegt und vom Erzpriester, Bürgermeister Niclas Hofer und Stadtrichter Joachim Waldner gesiegelt..In dem Schreiben an den Erzbischof Johann Ernst wird auch erwähnt, daß das Erdbeben ganz Kärnten heimgesucht „in specie maistens Villach und Gmünd“. Dieses „Verstantnus“ wurde im Stadt- und Archidiakonatsarchiv niedergelegt. Die späteren Geschlechter vergaßen alles. Erst in neuerer Zeit bestellt die Stadtgemeinde wieder den feierlichen Gottesdienst am St. Barbaratage. Von der Geistlichkeit aber wurde die feierliche Prozession am 4. Dez. immer gehalten, an der auch seit neuerer Zeit die Stadtvertretung teilnimmt.

Die Einweihung der Säule ist Sonntag den 31. Dezember 1694 gehalten worden nachmittags 2 Uhr. Der Stadtrat in schwarzen, die Gottleichnamsbruderschaft in roten, die Rosenkranzbruderschaft in blauen Talaren mit Musik und Sängern und eine große Menge Volkes wohnte dieser Feier bei. Die Erdbebensäule ist auch künstlerisch von Wert. Leider ist uns der Name des Meisters nicht überliefert. Eine schöngeformte Marmorplatte trägt die Inschrift

 „Der aller H. Dreyfaltigkeit zu Ewigen
Dank und Abwendung Fernerer Straff
hat zur Zeit des erschröcklichen Erdbidens
als den 4. Xbris 1690 E.E. Magistrat
der Statt Gmünd dise Statuam verlobt
und aufrichten lassen.“


Die Marmorplatte trägt das Gmünder Stadtwappen. Auf drei Stufen steht ein 1 1/2 m hoher Granitsteinsockel. Aus ihm wächst eine mehrere Meter hohe korinthische Säule, auf ihr in Sandstein gehauen die Allerheiligste Dreifaltigkeit. An der Vorderseite vor der Säule steht die Gottesmutter mit dem Jesusknaben, der die Weltkugel in dem Händchen hält. Zu Füßen der Gottesmutter das gräflich Lodron’sche Wappen. Über der Statue der Gottesmutter die Reste einer Devotionslampe.»

Soweit der Bericht des Dechants Georg Broll, für den er Unterlagen aus dem Archidiakonalarchiv verwendete: Heute befindet sich dieser Bestand aus Gmünd im Diözesanarchiv in Klagenfurt.

Reinhard Kager, Millstatt
Die in die heutige Druckschrift gesetzte Inschrift aus 1694 kann man im oberen Textfeld mit der von A. Fritz vorgenommenen Transkription des „Broll-Manuskripts“ nachlesen.
Reinhard Kager, Millstatt
Jede Bildquelle transportiert verschiedenste Informationen. So vermittelt die Marmortafel auf der Erdbebensäule gleichzeitig das Stadtwappen, das sich sowohl auf dem Maltator als auch auf dem Stadtturm befindet.

Einige weitere Notizen zur Prozession aus der Pfarrchronik Gmünd:

9.12.1945 (Barbaraprozession): «Auf Antrag des Pfarradministrators bei der Stadtverwaltung wurde nach 7-jähriger Unterbrechung das Barbarafest in althergebrachter Form wieder gehalten. Am Barbaratag selbst ein feierliches Amt, das schlecht besucht war. Am Sonntag darauf die Prozession, woran sich eine Schar Frauen und nur 4 Männer beteiligten.

1956: Die ex voto des Gmünder Gemeinderates vor Zeiten gelobte St. Barbara Prozession zur sogenannten Pestsäule [!] am Hauptplatz wird vom Nachmittag auf den Vormittag, im Anschluss auf den Pfarrgottesdienst um 10 Uhr verlegt. Und es war gut so! So soll es bleiben. Die Prozession wird stets am Sonntag nach St. Barbara (4. Dez.) abgehalten. Die Stadtgemeinde erlegt dafür das Stipendium für das hl. Amt – auch wenn der Gottesdienst als Betsingmesse oder Kindergottesdienst gefeiert wird – und die anderen Regien wie das große Geläute. Vor der Dreifaltigkeitssäule wird das Gebet zur Heiligen Barbara und einige Vaterunser gegen Pest, Hunger und Krieg gebetet.2

1964: An der Barbaraprozession am Sonntag nach dem 4. Dezember nehmen erstmalig die Liesertaler Bergarbeiter3 der Radentheiner Magnesit AG mit Banner und Uniform teil. Sie bekommen dafür vom Gefertigten anschließend im Gasthof Kohlmayr eine hinreichende Stärkung.

Stadtarchiv
Liesertaler Bergarbeiterkameradschaft.
Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 1956. Die Schutzpatronin aller Bergleute ist die Heilige Barbara, deren Fest am 4. Dezember mit dem Erdbebentag vom 4. Dezember 1690 zusammenfällt. Zu den lange üblichen Barbara-Umzügen der Bergleute wurde die Bergmannsuniform getragen. Diese hatte 29 Knöpfe – ein Symbol für die 29 Lebensjahre der Märtyrerin.

1968: Der Barbara-Festsonntag – ein altes Verlöbnis der Stadtgemeinde Gmünd – wurde erstmals mit der Stadtkapelle begangen. Sie stellte die Messmusik beim Gottesdienst und begleitete die traditionelle Prozession zur Dreifaltigkeitssäule. Die Liesertaler Bergarbeiterkameradschaft von Radenthein in Tracht ist bereits ein gewohntes Bild des Tages. Ihr Banner ist sehenswert. Die Teilnahme war gut.

Seither wird diese Prozession mit wechselnder Beteiligung der Gmünder Bevölkerung jährlich durchgeführt, auch Mitglieder der Stadtregierung sind regelmäßig anzutreffen. Wenn auch für uns Menschen ein Erdbeben nicht mehr als Strafe Gottes aufgefasst wird, so fällt uns sicher keine «Zacke aus der Krone», wenn auch wir beten: «Von der Geißel des Erdbebens erlöse uns o Herr!»

Stadtarchiv
Der 4. Dezember ist der Hl. Barbara gewidmet, unter anderem auch die Schutzpatronin der Bergleute.
  1. Der oben unter „Epizentrum“ verlinkte, englischsprachige Artikel aus sciencedirect.com fasst auf seiner ersten Grafik die stärksten Erdbeben Kärntens bildlich zusammen, zu denen auch dasjenige aus 1690 zählt. Einfach etwas nach unten scrollen, die farbige Darstellung ist nicht zu übersehen. ↩︎
  2. Dieser Irrtum des Pfarrers wird vermutlich schuld daran sein, dass die Erdbebensäule auch heute noch gelegentlich als «Pestsäule» bezeichnet wird. ↩︎
  3. Unsere «aufgeklärte» Zeit reiht den Gedenktag der Hl. Barbara unter die «kuriosen Feiertage». Die moderne Bautechnik greift jedoch nach wie vor auf die Tradition der Bergknappen zurück: Ihren internationalen Aktionstag zur Bewusstwerdung unserer unterirdischen Infrastruktur – ihren sogenannten Welttag der Tunnel – legt sie auf dieses Datum. ↩︎

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Anton Fritz: Erdbeben in Gmünd. In: Beiträge aus 2009–2020, Publikationen Stadtarchiv Gmünd in Kärnten, April 2026. Online: ark:/65325/d6013g.

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