Stadtnachrichten-Beitrag aus April 2003
Nachveröffentlichung: 26. April 2026
Ergänzungen und Neubebilderung: Ulrike Mengeu
Das Hochwasser vom 13./14. September 1903 war seit Menschengedenken sicher die größte Naturkatastrophe, die Gmünd und unsere engere Heimat – bis hinein in das damals noch zu Kärnten gehörende Kanaltal – betroffen hat. Die vier Wochen zuvor hielt sich bis zum «Kleinen Frauentag» (8. September) hindurch sehr schönes, trockenes Wetter. In den nächsten Tagen kam es aber zu einem Wettersturz mit starken Regenfällen in den Tälern und massenhaftem Schneefall im Hochgebirge bis tief unter die Waldgrenze. Die erwartete Aufheiterung durch den Nordwind trat leider nicht ein. Im Gegenteil! Unter stets heftiger werdenden Regengüssen begann auf den Höhen ein warmer Südwind zu wehen, der in der Nacht vom 13. auf den 14. September, einem Sonntag, den Neuschnee durch den nun einsetzenden Regen in wenigen Stunden hinwegschmolz, so Oberlehrer Klocker in der Schulchronik. Es regnete fast ununterbrochen und schwere Gewitter folgten einander mit unheimlicher Schnelligkeit. Die Tragik dieser Wetterkapriolen gipfelte in bergsturzartigen Muren vor der Klause ins untere Maltatal – hinter dem sogenannten „Blauen Tumpf“.

Wer diesen Platz besucht, spürt noch heute seine ganz besondere Atmosphäre. Er befindet sich an der Klause ins einst „Elendtal“ genannte, hintere Maltatal. Vor der „Gieß“ dominierte der Hochalmfall die Energie dieses ganz besonderen Fleckchens. Heute ist dieser einst spektakuläre Wasserfall mit seinem Donnern und Rauschen von den Gletschern des Dreitausenders herunter verschwunden – seine Wasser schluckt heute der Kölnbrein-Stausee.

Er zeichnete nicht nur, sondern dichtete auch über ihn. Neben den drei imposanten Wasserfällen, die sich dort früher trafen, beeindruckte seine einstige, himmelblaue Farbe.

Die Alm öffnet sich an der Klause im Hintergrund. Sie ist uralter Almboden, der vor den beginnenden Abkühlungen um 1600 sogar das ganze Jahr bewohnt gewesen war, so die Überlieferungen.

In unmittelbarer Nähe der damals weggeschwemmten Alm-Unterkunft befindet sich heute die „Gmünder Hütte“.
Zunächst schwollen alle Gebirgsbäche – und damit auch die Lieser und Malta – stark an. Viele Neugierige standen am Abend auf der Stadtbrücke (früher «Fleischbrücke»), um die herandrängenden Wassermassen zu beobachten. Sie bemerkten, dass der Wasserstand der Malta allmählich fiel und niemand dachte mehr an eine ernstliche Gefahr. Keiner wusste, dass in der Schönau beim Blauen Tumpf große Felsmassen und Muren mit ganzen Waldstücken einen See aufgestaut hatten. Am späten Abend brach jäh sein «lockerer» Staudamm und verwandelte die Malta zu einem reißenden Strom. Gegen Mitternacht erreichte die Flutwelle unser Städtchen und überschwemmte in der Unteren Vorstadt in kaum vorstellbarer Weise Häuser, Werkstätten und Gärten. Nur mit knapper Not konnten die Menschen ihr Leben retten, all ihre Habe ging verloren. Das Vieh trieb man auf höher gelegene Ortsteile oder auf die Tennen. Die Häuser zwischen der «Maltavilla» (heute Familie Klaus) und der «Feldnersäge» mussten wegen der Einsturzgefahr schleunigst geräumt werden. Sie wurden unterwaschen und stürzten teilweise ein. Auch die an sich stabil gebaute Stadtbrücke konnte den im Wasser treibenden Holzstämmen nicht standhalten, sie verschwand nach und nach in den Fluten.

Auch diese Brücke hatte zweifelsohne etliche Vorgänger: Die Malta war vor dem Bau der Kölnbrein Staumauer ein unberechenbarer Fluss und bei der Schneeschmelze mächtiger als die Lieser. Wir wissen nicht, wann sich der deutsche Illustrator Richard Püttner (1842–1913) in Gmünd aufgehalten hatte. Es muss jedenfalls noch im 19. Jahrhundert gewesen sein: Die Nepomuksäule stand damals noch an der Stadtbrücke. Wie er es uns zeigt, überquerte die erste Telegrafenleitung nach Gmünd die Malta ebenfalls über diese Brücke.
Die Straßenbeleuchtung – diese gab es erst ein Jahr – fiel mehrere Male durch Blitzschläge aus. Gegen 3 Uhr früh erloschen endgültig alle Glühbirnen und Bogenlampen. Ganze sieben Wochen sollte der Strom ausbleiben … Gegen 5 Uhr morgens riss es die Lieserbrücke mit den darauf befestigten Wasserleitungsrohren fort. Die meisten Brunnen hatten nun keinen Zufluss mehr und die Wasserversorgung der Stadt ausgefallen. Laut Oberlehrer Andreas Klocker blieb die Stadt eine Woche ohne Wasser, die Schule sogar drei Wochen. Auch das Wasserableitungssystem in Gmünd erlitt schwere Schäden an seinen künstlichen Gerinnen. Die Wassermassen zerstörten zudem viele Mühlen der Lieser-/ Maltatal-Region vollständig oder teilweise. Auch am Kreuzbichl kam es zu zahlreichen Verklausungen, wodurch der Waschanger überflutet wurde.
Der Morgen des 14. September – er zeigte sich im weiteren Verlauf als strahlender Herbsttag – bot den niedergeschlagenen Bewohnern ein Bild furchtbarer Verwüstung. Über der Stadt lag ein feuchter Modergeruch und auf den sich überschlagenden, mit Erde und Schlamm beladenen Wogen trieben in tollstem Durcheinander Bäume, Pfosten, Bretter, Mühlräder, alle erdenklichen Hausgeräte und Tierleichen. Sogar einige Grabkreuze und Särge kamen auf der Lieser geschwommen. Sie stammten vom Friedhof in Leoben, der zu einem Drittel eine Beute der Hochflut geworden war.

Im Vordergrund rechts das zerstörte Juryhaus (2003: Prax).


Feldnersäge an der Mündung der ehemaligen „Wier“ in die Malta,
Hernlerhaus (Kainzner), Juryhaus (Prax).
Linkes Foto: Doserhaus, dahinter der Pfarrhof.
Nach und nach erhob man nun das ganze Ausmaß des angerichteten Schadens an den Straßen und Wegen. Die Salzburger Reichsstraße Richtung Katschberg wurde zwischen Eisentratten und Kremsbrücke völlig zerstört, zahlreiche Abrutschungen an beiden Talhängen behinderten ihre rasche Wiederherstellung. Die erst seit zwanzig Jahren bestehende Straßenverbindung zwischen Spittal und Gmünd wurde von den Flutwellen einfach abtransportiert: 13 km von der 15 km langen Strecke waren schlichtweg verschwunden. Sogar die vier eisernen Brücken fielen den auf meterhohen Wellen daher schwimmenden Baumstämmen zum Opfer. Mit den übrigen Brücken und Stegen im Lieser- und Maltatal hatten die anstürmenden Fluten ein leichtes Spiel, sie waren entweder stark beschädigt oder ganz weggerissen.
Mit Ausnahme der Eisenbahnbrücke in Spittal, dem Hochsteg und der Hochbrücke im Maltatal gab es in unseren Tälern keinen intakten Übergang mehr. Die Wiederherstellung der Straße zwischen Spittal und Gmünd dauerte zwei Jahre, erst 1905 konnte sie wieder dem Verkehr übergeben werden. Auch der Post- und Telegrafenverkehr brach vollkommen zusammen, für den Neubau der Leitungen brauchte man Monate. Besonders bedauerlich war es, dass das Hochwasser etliche Menschenleben gefordert hatte. Im Pöllatal erlitt ein Almhalter durch eine Verschüttung tödliche Verletzungen, und unterhalb des Schlosses Dornbach kamen fünf Personen, darunter drei Kinder, in den Fluten um.
Es kann hier nicht annähernd geschildert werden, welches Leid unzählige Menschen durch diese gewaltige Unwetterkatastrophe erlitten haben. Sicher ist nur, dass die so schwer getroffene Bevölkerung mit ungebrochenem Mut, oft in jahrelanger Arbeit, die entstandenen Schäden zu beseitigen wusste.

Links Brückenbäck (Nussbaumer), dahinter Stonig, rechts Kohlberger (Melchiori). Alle 3 Häuser wurden 1939 abgerissen.

Blickrichtung Untere Vorstadt.

Die Vorgängerin der heutigen, gemauerten Stadteinfahrt. Noch stehen die drei Gebäude entlang der „Fleischbrücke“ – der ältere Name dieser Brücke.
Ergänzung aus 2026:
Die Gmünder Pfarrchronik überliefert, dass in dieser Nacht vor allem durch einen Wachtmeister namens Knees Größeres verhindert wurde: Er war es, der die Bevölkerung aufgeweckt und die Stadtbrücke rechtzeitig gesperrt hatte. Denn der Feuerwehrhauptmann war damals außer Gefecht: In der Stadt waren die ersten Marketender für den Septembermarkt bereits eingetroffen. Am Vorabend war es lustig hergegangen mit den vielen Gästen von auswärts! Trotzdem gelang die Alarmierung der gefährdeten Bewohner, sodass alle flüchten konnten. Die Malta wälzte sich schon 30–40 cm tief durch die Pfarrgründe, als sie gegen 3:00 Uhr früh plötzlich wieder absackte, so der Pfarrer:
«Es hatte die Malta auf der anderen Seite bei der Fabrik das Ufer zerrissen und war über die Vorstadt hinab und dort bis zum 1. Stockwerk hinauf alles unter Wasser setzend und die Räume mit Schlamm anfüllend. Um 3 Uhr ging der letzte Rest der Vorstadtbrücke. Gegen 5 Uhr morgens wurde auch die Lieserbrücke fortgerissen, über welche die meisten Quellwasserleitungen gingen, und nun waren fast alle Brunnen trocken, nur im alten Schlossgarten und bei der Gendarmerie, welche von oben die Leitung hatte, war Trinkwasser. Um 1/2 6 begann es anzuschlagen. Neuer Schrecken. Wo brennts? rufts entsetzt von allen Seiten. Kein Feuer ist, aber die Lieser bedroht die Stadt! Alles rennt hinaus zur Abwehr. Die Lieser sah in der Tat schrecklich aus, wie sie in reißender Gewalt ihre dicken gelbschwarzen Fluten dahinwälzte, wie die aneinander stoßenden Felsblöcke knirschten und dröhnten und der Gischt der schäumenden Wogen die Straße überspritzte. Hart an das Straßenmeisterhaus heran war das Flussbett gegraben und drohte in kürzester Zeit diesen Neubau fortzureißen, als sich ihm gegenüber in der Lieser eine starke Holzverklausung gebildet hatte. Am Kreuzbichel war die Wehre fortgerissen, das Haus (Mühle) dort zur Hälfte eingestürzt und die Straße samt Mauer verschwunden. Jetzt waren wir nach allen Seiten hin abgesperrt. Alle Brücken bis zur Eisenbahnbrücke in Spittal waren fortgerissen, nur die Eisentrattner Brücke bot noch einen gefährlichen Übergang aufs andere Ufer und somit eine Verbindung zu Fuß mit der Außenwelt.»
Die ganze Familie des damaligen Lodron’schen Försters Pacher wurde in der Karnerau fortgeschwemmt, samt Großmutter und zwei Kindern. Die Magd des Bürgermeisters stürzte sich aus Verzweiflung in die Lieser und ertrank. Die Pfarrchronik hält nach der Aufzählung der Ursachen dieses Unglücks pflichtgemäß Folgendes fest:
«Damit [Wetter als auch Verklausung durch den Bergsturz, U. M.] soll keineswegs bestritten werden, dass diese natürlichen Ursachen mit ihren verhehrenden Wirkungen nicht auch eine Zuchtrute für die schlimme christlich-feindliche Zeit und eine warnende Stimme zur Umkehr von Oben gewesen sei.»
In der Schulchronik notierte Oberlehrer Andreas Klocker einige Details zu dieser Katastrophe. Durch ihn erfahren wir, dass die Lieser die Breite ihres Flussbettes verdoppelt und den Brunner Marhof fortgerissen hatte. Auch den Wallner Marhof brachte sie zum Einsturz. Aber das Wüten der Malta übertraf alles: Bei ihrem Lauf durch die Sandrissen hatte sie eine breite Spur der Zerstörung gezogen, in den Häusern der Unteren Vorstadt 1,5 m Schlamm abgesetzt und sämtliche Gärten rundherum vernichtet. Am Morgen der Katastrophennacht standen die Anwohner der beiden Flussläufe fast vor dem Nichts.
Überall halfen die Männer des Tales bis zur Erschöpfung, um in dieser Nacht noch mehr Todesfälle zu verhindern. Die wachsenden Wasserfluten der Lieser schwemmten ganze Hütten und Keuschen Richtung Spittal. Ihr Mündungsgebiet in die Drau geriet zur sturmgepeitschten See. Die überfüllte und aufgewühlte Drau zog eine Spur der Verwüstung weiter durch ganz Oberkärnten. Viele Draubrücken wurden weggerissen. In Villach war der Wasserstand fünf Meter über Null. Zahlreiche Häuser standen unter Wasser, der Villacher Hauptplatz konnte nur über Notstege passiert werden.

Damals gehörte das Kanaltal noch zu Kärnten: auch von dort fasst der «Kärntner Amts- und Adresskalender aus 1905» die größten Schäden zusammen. Das Lieser-/Maltatal war komplett von der Außenwelt abgeschnitten: auch die Telegrafenleitung war zerstört. Überall wurde das Militär zur Behebung der ärgsten Schäden eingesetzt. Um Hilfe von außen zu ermöglichen, war dieser militärische Einsatz zur raschen Wiederherstellung des Verkehrs die erste und unumgängliche Hilfestellung durch die Regierung: Die Soldaten trafen nach zehn Tagen ein und schlugen Notbrücken. Die Kollateralschäden zogen sich in die Länge, die gesamte Bevölkerung war zum Äußersten herausgefordert. Die Notstandsgelder der Regierung trafen im Laufe des Folgejahres ein.
Unvergessen bleibt für Gmünd der persönliche Einsatz des damaligen Stadtbürgers Frido Kordon. Der Apotheker, begeisterte Alpinist und Schriftsteller saß auch im Gemeinderat – an die hundert Protokolle über die Sitzungen der Gemeindevertreter zwischen 1896 und 1914 stammen aus seiner Feder. Er leitete umgehend eine groß angelegte Hilfsaktion ein, verfasste mehrere Zeitungsartikel und achtete auf ihre Veröffentlichung, um Hilfsbereitschaft für die schwer getroffene Region zu wecken. Es waren noch keine zwei Monate vergangen, da reiste er nach Wien. Er hielt dort einen Vortrag und zeigte anhand von 135 Bildern die unvorstellbare Zerstörung von Hab und Gut der regionalen Bevölkerung. Noch bevor die öffentliche Hand mit Geldmitteln reagierte, halfen dadurch bereits viele Freunde und hilfsbereite Spender: Auf diese Weise gelangten die ersten finanziellen Hilfsmittel aus dem Deutschen und Österreichischen Alpenverein in die Unglücksregion Lieser-/Maltatal und gaben den Menschen hier Hoffnung und Mut, den Wiederaufbau fortzusetzen.
Aus dem Volksmunde überliefert der Mundartdichter Franz Podesser Erinnerungen eines Augenzeugen an dieses Trauma, das eine ganze Region in heillosen Schrecken versetzt hatte: 1964 wurde sein Buch «Auf da Gåssnbånk» veröffentlicht. Dort erzählt der «Kerschbaumer-Lenz» aus der Schönau, ganz nah beim Schauplatz des Wasserdurchbruchs durch die Klamm hinter der Schönau. In jener Nacht war er aus dem Tal in die schon knietief verschneite Alm hinaufgewandert, um nach dem Vieh zu schauen. Wie durch ein Wunder hatte er dort samt Sennerin und Senner nicht nur den in unmittelbarer Nähe ausgelösten Bergsturz überlebt, sondern auch die durchgebrochene Flut, die sich in der Folge ihren Weg talauswärts grub. Hilflos musste er zusehen, wie eine ganze, sich ebenfalls dort gerade aufhaltende Familie samt ihren drei Kindern in ihrer schon dachlosen Almkeusche in der Wasserhölle des durchgebrochenen Sees mitgerissen wurde und allesamt ertranken.

Die bäuerliche Namengebung mit „schön“ bezog sich stets auf den hohen Ertrag durch einen guten (Alm)Boden. Dieser war nun in einer einzigen Nacht hinweggeschwemmt.

Die beiden Jagdhäuser blieben verschont – heute steht dort die „Gmündner Hütte“.