Stadtnachrichten Gmünd: Dezember 2012
Der heilige Riese und seine ursprüngliche Bedeutung
Kärnten ist unter den Alpenländern das an mittelalterlichen Christophorus-Darstellungen reichste Land. Auf Kärntner Boden treffen wir auf über zweihundert, zumindest noch in Fragmenten erhaltene Christophorus-Wandbilder. Diese hohe Zahl ist wohl nicht zuletzt auf die Tatsache zurückzuführen, dass die Mehrzahl der Kärntner Kirchen, im Gegensatz zu den nördlichen und westlichen Regionen der Alpen, in der Zeit des Barocks zumeist nicht aufwändig umgestaltet wurden. Umfangreiche Recherchen im Rahmen meiner Diplomarbeit und eine präzise Fotodokumentation aller, auch der jüngst freigelegten Christophorus-Wandbilder Kärntens, erlauben fundierte Datierungsansätze, angestellt im Kontext zu Christophorus-Darstellungen in den umliegenden Alpenländern.
Wer kennt ihn nicht, den größten unter den vierzehn Nothelfern, unübersehbar aufgemalt an die straßenseitige Außenwand von Kirchen, um dem (Aber-)Glauben des mittelalterlichen Menschen Genüge zu tun. Die Verehrung des „Christo-Phorus“, des „Christus-Trägers“, gründet auf dem Multi-Patronat[1] des Heiligen; darunter insbesondere auf seiner Schutzfunktion gegen den unvorhergesehenen, jähen Tod, die „mala mors“. Die Ungewissheit der Todesstunde und die Angst, mit Sünden beladen sterben zu müssen, bestimmten im Mittelalter das Denken eines jeden Christen. Bereits der Anblick einer geweihten Hostie, in der Christus leibhaftig erscheint, sollte zu einem guten Ende, der „bona mors“, hinführen. Nun trägt Christophorus Christus im Herzen, später auf seinem Arm und schließlich auf seinen Schultern. Oft übernahm der Christus-Träger als Zeichen seiner Christus-Erfülltheit sogar dessen Gesichtszüge. Mit weit aufgerissenen Augen[2] fangen beide, der Heilige und das Christuskind, die Blicke der Vorbeieilenden ein. Schon das andächtige Anschauen, der Blick auf sein Abbild, sollte an diesem Tag vor dem jähen, unvorhergesehenen Tod schützen. Allein der Schau-Prozess steht im Mittelpunkt der Begegnung und die streng frontal ausgerichteten Darstellungen kamen der Kontemplation der Vorüberziehenden entgegen. Erst im Spätmittelalter kam Bewegung in die Christophorus-Wandbilder. Die Umsetzung der erweiterten Legende im Sinne von „Über-das-Wasser-Tragen“ hat den Malern jener Zeit ein großes Experimentierfeld geboten: Sie bevölkerten das Wasser mit bösen Fabeltieren, sie ließen den Riesen unter der Last des „Heilands“ im Fluss einsinken und erprobten sich schließlich in der Darstellung eines kräftigen Vorwärtsschreitens des Heiligen.
Datierungsfragen
Die älteste Darstellung des Riesen in und um Gmünd ist vielleicht jene an der Südseite des heute nur mehr bis zur Dachtraufe reichenden Westturms der Pankratius-Kirche[3]. Eine Datierung ist nicht mehr möglich, da das Wandbild nur mehr in bruchstückhaft vorhandenen Umrisslinien wahrnehmbar ist – eine Abbildung an dieser Stelle bleibt demzufolge ebenfalls aus.
Eine weitere frühe Christophorus-Darstellung begegnet uns an der Westseite der St. Ulrich-Kirche von Platz (Abb. 1a und 1 b). Sie ist bereits stark abgewittert – das Vergleichsfoto aus 1943 zeigt noch einen besseren Zustand. In Platz als auch auf der Südseite der St. Bartholomäus-Kirche in Kreuschlach (siehe Abb. 2) erscheinen Christophoren, die dem sogenannten Manesse-Typus zuzurechnen sind, einzuordnen in die Zeit um und nach 1300. Der Heilige dieses Typus trägt langes Haar, zeigt weiche, junge Gesichtszüge, präsentiert sich in langer Tunika und steht noch nicht im Wasser. Das Christuskind ist noch nicht lieblich und pausbäckig dargestellt, sondern sitzt als kleiner Erwachsener starr und frontal ausgerichtet auf der linken Schulter des Riesen. Auf Grund von verschiedenen Details in der Ausführung des Heiligen in Platz und unter Berücksichtigung der Baugeschichte der St. Ulrich-Kirche (Link unter den beigestellten Quellenangaben) ist die Entstehungszeit des Christophorus von Platz um 1330/1335 anzusetzen.

zum Zeitpunkt der Bauforschung


Im Falle des bereits erwähnten Christophorus in Kreuschlach wäre anzumerken, dass auf Grund des starken Abriebes nur noch eine monochrom grüne, faltenlose Tunika zu erkennen ist. Es fehlt hier die sonst für den „Manesse-Typus“ übliche Rosetten- bzw. Rautenmusterung. Weiters fällt der dunkelviolette Mantel nicht, wie sonst bei diesem Typus üblich, links und rechts in schmalen Streifen zu Boden, sondern scheint über den linken Arm des Heiligen geworfen bzw. nach oben gerafft zu sein. Diese Tatsache lässt eine spätere Entstehungszeit vermuten. In jedem Fall aber ist der Christophorus von Kreuschlach noch vor den ritterlich gewandeten, mit nackten Beinen im Wasser stehenden „Offerus-Christofferus“ zu datieren, d. h. vor bzw. um 1350.
In Malta hingegen haben wir es mit einem fortgeschrittenen Typus, dem ritterlichen „Offerus-Christofferus“ zu tun (Abb. 3). Der Riese steht in höfisch ritterlicher Kleidung der Zeit in einer phantasiereich und variationsreich belebten Wasserwelt, mit einem den Gefahren ausgesetzten Schiff an der Oberfläche. Sein Raum ist stark begrenzt durch eine aufwändige Rahmung im Well-Stab-Muster. Neben zahlreichen weiteren Recherchen, deren Aufzählung den Rahmen dieses Beitrags sprengen würde, ist eine Datierung des bisher „romanischen“ Maltinger Christophorus erst nach 1360 anzusetzen. Die Gesamtwirkung des Christophorus von Malta bleibt ob seiner Monumentalität trotzdem beeindruckend und von nachhaltiger Wirkung; noch heute vermag der mächtige Kopf und vor allem der starre Blick aus den riesengroßen, exotisch anmutenden Augen den Betrachter zu fesseln. Uns faszinieren seine Größe, sein einmaliger Gesichtsausdruck und einige, so nur in Malta anzutreffende Wasserbewohner, wie die „Malta-Maus“ und ein „hundsköpfiger“ Christophorus[4] zwischen seinen Füßen links.

Abschließend stellt sich die Frage nach einem Christophorusfresko an der Gmünder Stadtpfarrkirche (Abb. 4 wird nachgereicht, hier muss noch das Copyright geklärt werden). Tatsächlich bestätigt eine Zeichnung aus dem Jahr 1820 ein Christophorus-Wandbild an der Südwand der Pfarrkirche. Wie in jener Abbildung ersichtlich befand sich das Fresko an der äußersten linken Ecke der Langhauswand: ein sehr beengter Platz für den Riesen. Hat der Anbau der Rosenhaimer-Kapelle (nach 1459) ein ursprünglich zum „Neuen Markt“ hin ausgerichtetes Fresko des Heiligen zerstört? Jedenfalls würde der auf der Zeichnung ersichtliche Christophorus auf eine Entstehungszeit um die Mitte des 15. Jhdts. schließen lassen. Dieser Typus ist zwar noch frontal zum Betrachter hin konzipiert, die Beine aber lassen den heiligen Riesen nach rechts aus dem Bild marschieren, unterstützt vom Kopf, der im Profil nach rechts blickend dargestellt ist.
Der Christophorus von Oberbuch (Abb. 5) entstand um 1500. Zu dieser Zeit konnten die Maler bereits auf zahlreiche Stich-Vorlagen zurückgreifen. Der Maler von Oberbuch schöpfte diese Möglichkeit umfassend aus. Fehler in der Darstellung der Körperproportionen und Mängel in den Bewegungsabläufen werden durch die schwungvolle Gewandsprache und die Monumentalität in der Darstellung wettgemacht[5].

Abschließend bleibt zu sagen, dass sich Datierungen, abgesehen von den stilistischen und ikonografischen Ausdrucksformen der Christophorus-Darstellungen, äußerst schwierig gestalten. Sie verlangen zusätzlich eine jeweilige Zusammenschau von kulturellem Umfeld, kirchenpolitischer Zugehörigkeit einer Pfarre, einer eventuellen Werkstättenabhängigkeit, der Baugeschichte einer Kirche und dem aktuellen Zeitstil. Für das anstehende Projekt, einen „Kirchenführer“ für die Gmünder Kirchen und Kapellen zu erstellen, wird eine enge Zusammenarbeit zwischen Bauforschung, Kirchengeschichte und Kunstgeschichte notwendig sein.
[1] Christophorus ist Schutzpatron gegen Dämonen, Sturm, Hagel, Gewitter, Hungersnot und Tod, aber auch gegen Gefahren auf den Wegen; insbes. ist er Schutzpatron aller Pilger und Reisenden, die täglichen Gefahren besonders ausgesetzt waren, sowie der Schiffer, Lastträger, Fuhrleute, Gärtner, Bergleute, Schatzgräber, Zimmerleute usw.
[2] Siehe jenen Christophorus an der südlichen Chorwand von Malta, nach 1360.
[3] Laut Befundung durch die Bauforscher Mag. Christiane Wolfgang und MMag. Ronald Woldron ist die Pankratiuskirche älter als die Stadtmauer und romanischen Ursprungs.
[4] Der „hundsköpfige“ Christophorus geht auf den Ursprung der Legende des Heiligen in der orthodoxen Ostkirche zurück.
[5] Die detailgenaue Beschreibung der hier behandelten Fresken und ihre Werkstättenzugehörigkeit müssten in einem gesonderten Beitrag erfolgen bzw. besprochen werden.
Quellen bzw. weiterführende Literatur
Miklautz, Margarethe: Frühe Kärntner Christophorus-Wandbilder. Genese und Datierungsfragen im überregionalen Kontext. Magisterarbeit Universität Salzburg, Fachbereich Kunst-, Musik- und Tanzwissenschaft. März 2011. Stadtarchiv Gmünd, digitale Archivalien: Textband Signatur storage.stadtarchiv-gmuend.at/f/130495 / Bildband
Woldron, Roland / Wolfgang, Christiane: Gmünd: Burg und Stadtbefestigung. Bauhistorische Untersuchung. Gmünd, 2011. Stadtarchiv Gmünd, digitale Archivalien: Signatur storage.stadtarchiv-gmuend.at/f/130477.
Woldron, Roland / Wolfgang, Christiane: Die ehemalige Ulrichskirche in Platz. Bauhistorische Untersuchung. Ohne Jahresangabe. Stadtarchiv Gmünd, digitale Archivalien: Signatur storage.stadtarchiv-gmuend.at/f/164793